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Irmgard Hesse über Kreativität und Wirtschaftlichkeit

Ganz klar, Designerinnen und Designer sind häufig ein Stück weit Idealisten, die sich Tag für Tag der Suche nach der perfekten und ganz besonderen Lösung verschreiben. Wie gehen Herzblut und die freie Entfaltung der Kreativität mit Wirtschaftlichkeit oder Faktoren wie Effizienz zusammen? Und wie meistern Agenturen in herausfordernden Zeiten diesen Spagat?

Insight | 09. Februar 2026

Durch die Agenturszene und die Reihen der kreativen Selbstständigen fegt ein böser Geist: die alte Angst des Menschen, durch Maschinen ersetzt zu werden. Wie lange wird es noch dauern, bis Künstliche Intelligenz nicht nur schneller und billiger, sondern auch viel „besser“, also kreativer ist als die menschliche Arbeitskraft?

Im Falle der Kreativbranche ist diese Angst an einigen Stellen sicher begründet, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Aktuell findet eine Bereinigung des Agenturmarktes statt, der durch Technologieumbrüche noch weiter angefeuert und atemberaubend schnell beschleunigt wird.

Wir erleben als Gesellschaft, aber auch als Branche tiefgreifende Veränderungen, die erfordern, dass sich Designer und Kreative insgesamt grundlegend mit ihrem Selbstverständnis befassen. Denn ein großer Teil der Agenturleistungen, der „handwerkliche“ Umsetzungen betrifft, wird bereits jetzt entweder an günstigere Arbeitskräfte in anderen Ländern oder an KI-basierte Tools ausgelagert.  

Dabei verschiebt sich die Bearbeitungskette: „Hinten“ in der Ausarbeitung, mag es deutlich weniger Bedarf geben. Aber „vorne“ – wo hochqualifizierte Leistung gefragt ist und höhere Stundensätze zum Tragen kommen – steigt der Beratungsbedarf. Denn die Herausforderungen, mit denen sich Unternehmen und Institutionen konfrontiert sehen, sind extrem komplex geworden. Das geht von Change- und Transformationsprozessen über Digitalisierung und den Einsatz von KI bis hin zu Positionierungsthemen und der Grundsatzfrage: Wie bleibe ich als Marke relevant?

Bereits die Formulierung der Aufgabenstellung oder die Priorisierung der vielen miteinander verflochtenen Themen sind für Kunden ein anspruchsvoller Teil des Projektes. Hier können Agenturen mit sowohl strategischer wie kreativer Aufstellung als Sparringspartner Orientierung und Klarheit bieten, um gemeinsam erst einmal ein sinnvolles Briefing nebst Meilensteinplanung zu erstellen, indem sie systematisch und mit spezifischer Methodik unterstützen. Kreatives Denken kann ein echter Game Changer sein, wenn es darum geht, die gewachsenen großen Knoten in Unternehmen zu lösen und sich in Richtung Zukunft gut aufzustellen.  

Und auch, wenn es darum geht, die Story eines sich verändernden Unternehmens authentisch und glaubwürdig zu erzählen und zu gestalten, ist kreative Kompetenz entscheidend. Menschen müssen im Prozess der Veränderung, dem sie in der Regel erst einmal skeptisch gegenüberstehen, nicht nur rational, sondern auch emotional mitgenommen werden. Gutes, klares Design und mitreißendes Storytelling können für Mitarbeitende wie Kunden die unternehmerischen Transformations-Themen nahbar und verständlich erklären. Dies ist eine äußerst komplexe, relevante Leistung, deren Wert von Agenturen aber noch viel besser vermittelt werden sollte. Denn der Bedarf ist riesig und wird eher noch steigen.

Zur Wahrheit vieler Designer-Lebenswege gehört es, dass das Thema Altersversorgung nicht ideal aufgestellt ist. Für Selbstständige, die über viele Jahre und mit viel Einsatz eine Agentur aufgebaut haben, ist das eigene Unternehmen das eigentliche Ergebnis ihrer Lebensleistung. Eigentlich. Der Verkauf oder die Weitergabe der eigenen Agentur ist keineswegs ein Selbstläufer. Wird das Thema Unternehmensübergabe nicht mit vielen Jahren Vorlauf vor dem gewünschten Ausstiegszeitpunkt angegangen, ist das Ergebnis oft enttäuschend. Möglicherweise will niemand das Lebenswerk für den persönlich als angemessen empfundenen Preis erwerben. Die bittere Feststellung ist, dass der emotionale Wert und der Marktpreis weit auseinanderklaffen. Hinzu kommen Wirtschaftlichkeit, Bekanntheit und die gezielte Positionierung am Markt.

Hier kann genau das, was die Designbranche ausmacht, das Problem sein: Der Antrieb der Gründer ist häufig stark von einer kreativen, idealistischen Perspektive getrieben – also mehr Herzblut als Businessplan. Ein Unternehmer, egal ob dieser aus den eigenen Reihen oder als Investor von außen kommt, wird aber nur investieren, wenn der Laden auch eine ordentliche Rendite erwirtschaftet. Und genau das ist gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten besonders schwierig.

Dazu kommt, dass diese Branche ein ausgesprochenes „People-Business“ ist: Oft hängen die langjährigen, treuen Auftraggeber komplett an der dominierenden Gründergeneration. Wichtig ist es also, sich neben der nachweisbaren Wirtschaftlichkeit um eine zukunftsfähige, marktrelevante Positionierung zu kümmern und Mitarbeitenden Raum zu geben. Denn diese können im Falle eines Verkaufs den roten Faden bilden. Wenn die Hausaufgaben rechtzeitig angegangen werden, dann hat das Lebenswerk auch einen finanziellen Wert für die Gestaltung der späteren Lebensjahre.

Als Designer und Kreative haben wir einen fantastischen Beruf, der häufig im wahrsten Sinne des Wortes aus einer inneren Berufung kommt. Aber Kreative müssen sich aus der Komfortzone begeben und Antworten auf unbequeme Fragen finden: Wie schaffe ich es, KI in meine Arbeitsprozesse zu integrieren? Was kann ich besser als die KI und die Konkurrenz, was macht mich besonders und einzigartig?

Die Welt braucht Kreative, Gründerinnen und Designer. Sie können gerade jetzt in Zeiten der Stagnation einen wichtigen Beitrag leisten und dabei helfen, unser Land mit innovativen Gedanken, Strategien und Taten voranbringen. Das geht aber nur, wenn Agenturen und Designer die Challenge zwischen Kreativität und Wirtschaftlichkeit annehmen. Nicht nur sich selbst zuliebe, sondern weil das die Voraussetzung dafür ist, dass die Branche von Wirtschaft und Politik ernst- und als höchst relevant für die Transformation unserer Gesellschaft wahrgenommen wird.