Fachartikel · 25. Januar 2020

Wie rasanter technologischer Wandel mit Moral verbunden werden kann.

Von Irmgard Hesse, Founder und geschäftsführende Gesellschafterin von Zeichen & Wunder.

“What are you Adding” –  das ist das Motto der diesjährigen Digital Life Design Conference. Das Motto ist geschickt gewählt und trifft den Nerv der Zeit.

Denn: Ja, wir alle haben verstanden, Veränderung ist dringend nötig, um die großen Probleme der Weltgemeinschaft zu lösen. Aber: Nein, wir handeln nicht. Es handelt sich also nicht primär um ein Erkenntnis-Problem, sondern um die Schwierigkeit, auf Worte auch Taten folgen zu lassen.

So war es ganz aktuell in aller Öffentlichkeit zu beobachten, an dem – vielleicht sogar ernst gemeinten – Versuch Joe Kaesers, in seiner Rolle als Siemens-Oberhaupt der alten Schule bei den jungen “Schulschwänzern” von Fridays for Future zu punkten: Einerseits ging Kaeser auf die Protestierenden vor der altehrwürdigen Siemenszentrale zu, die sich wütend gegen den geplanten Kohleabbau in Australien mit Siemens-Know-how Gehör verschafften. Er lud zum Gespräch, Verständnis und Sympathie wurden bekundet, bis hin zum überraschenden Angebot eines Aufsichtsratspostens an Luisa Neubauer. Um so enttäuschender, dass dann am folgenden Montag bekannt gegeben wurde, dass sich an der Planung – gar nichts – ändern werde, zurück in die alten Handlungsmuster, business as usual.

So ist es im Moment häufig. Dabei ginge es genau darum: um konkretes Handeln, um wirksame Veränderung.

Überdeutlich ist dies auf der diesjährigen DLD Konferenz zu spüren. Die DLD zeigt seit ihrer Gründung 2005 jedes Jahr ein hochaktuelles Stimmungsbild der Digitalszene. Wer Redner und Publikum genau beobachtete, merkte an den letzten Tagen schnell, dass aus dem Forum für Vordenker ein Ort für tatsächlich entschlossen Handelnde wurde – oder zumindest einer, an dem um richtiges Handeln gerungen wurde.

Neben dem offiziellen Motto der diesjährigen DLD hat man das Gefühl, der unausgesprochene Titel der anwesenden Digital-Gemeinde heißt: „Wie konnte es nur so weit kommen?“

Verwundert reiben wir uns die Augen: Nach einer Dekade mit optimistischen, wilden Jahren kehrt große Ernüchterung ein. Die Erkenntnis macht sich breit, dass beispielsweise soziale Netzwerke nicht nur eine für jeden offene Plattform sind – sondern auch geeignet, negative menschliche Verhaltensweisen zu verstärken. Oder, dass Algorithmen häufig Sterotypen und Vorurteile fördern.

Die MIT-Forscherin und Gründerin Joy Buolamwini, die sich selbst als „Poet of Code“ bezeichnet, zeigt anschaulich am Beispiel der ungenügenden Gesichtserkennung großer Unternehmen, wie Algorithmen die Vorurteile einer Gesellschaft enthalten. So werden insbesondere dunkelhäutige Frauen nur ungenügend erkannt, bei hellhäutigen Männern liegt die Trefferquote ungleich höher. Sie nimmt Unternehmen in die Verantwortung, denn Algorithmen sind ja nicht ohne menschliches Handeln entstanden, und KI ist bei wichtigen Entscheidungen wie zum Beispiel Bewerbungen heute schon beteiligt.

Ergreifend der Vortrag von Maria Ressa, einer philipinischen Journalistin und vom US-Magazin Time als Person des Jahres 2018 als eine der Wächter im „Krieg gegen die Wahrheit“ geehrt.

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