Was Kreativität mit dem Grundgesetz zu tun hat

Am 23. Mai wird das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland 75 Jahre alt. Das ist ein Grund zum Feiern – aber wieso eigentlich? Lest hier den Kommentar unserer Gründerin Irmgard Hesse.

Insight | 05. Juni 2024

An diesem Donnerstag feiert Deutschland 75 Jahre Grundgesetz. Und: Ja, das ist ein Grund zum Feiern – und was für einer! Nun könnte man sich wundern, wieso ein paar in die Jahre gekommene Paragrafen gerade einen so breiten gesellschaftlichen Hype mit tiefen Emotionen auslösen. Ganz einfach: Unser Grundgesetz ist das Fundament der deutschen Demokratie. Es schützt die 19 Grundrechte, die am Anfang des Grundgesetzes stehen, zum Beispiel die Menschenwürde, das Recht auf die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und die für unsere Branche besonders elementare Meinungs- und Pressefreiheit.

75 Jahre und hochaktuell

Das Bedürfnis erfreulich vieler Menschen, das Grundgesetz angemessen und vor allem sichtbar hochleben zu lassen, hat sicherlich ganz stark mit der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage zu tun. Wo Intoleranz, das laute Ich-zu-erst samt bayerischem Genderverbot immer salonfähiger werden, spielt die tatsächliche Rechtsgrundlage für die einzelnen Bürgerinnen und Bürger eine zunehmend entscheidende Rolle. In einem reichlich aggressiven und aufgeheizten Klima, das inhaltliche Auseinandersetzungen oft kaum zu lässt, ist der rechtliche, gesetzlich festgeschriebene Rahmen der am Ende allen Angriffen auf Wahrheit und Gedankenfreiheit trotzende, verbindliche Schutzraum das Grundgesetz: Es ist ein wichtiger Teil des sicheren Bodens unter unser aller Füßen.

So bin ich auch noch im Jahr 2024 dankbar, dass zwei Politikerinnen – der mit lediglich vier Frauen unter 61 Männern nicht wirklich paritätisch vertreten weiblichen Abordnung – trotz starken Widerstands die Aufnahme des zweiten Absatzes in Artikel 3, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in das Grundgesetz durchgesetzt haben. Denn auch dies scheint im Jahr 2024 nach wie vor nicht überall und nicht in jedem Fall selbstverständlich zu sein.

Machst Du Propaganda?

Genau diese Verlässlichkeit eines sicheren Rahmens als Basis für freie Meinungsäußerung und Persönlichkeitsentfaltung aller Bürgerinnen und Bürger, für Wirtschaft, Gesellschaft, für Mehrheiten wie Minderheiten geht uns als Kommunikatoren und Kreative etwas an. Einerseits ist das die Basis unseres Handelns, aber auch unsere Verantwortung. Denn: Wo keine Wahrheit ist, sondern Manipulation, keine Fakten, sondern Fake News, spricht man zu Recht nicht mehr von Kommunikation und Content, sondern von Propaganda.

„Die Freiheit des Geistes, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Meinungsfreiheit, das alles ist das Lebenselixier der Creative Class.″

Ich werde nie vergessen, dass meine in den 30er Jahren sozialisierte Großmutter in der Gründungszeit meiner Agentur freundlich und ganz ohne Hintergedanken nachfragte, was wir denn für Aufträge bearbeiten und „ob ich denn Propaganda machen würde“. Da hat es mich als damals 25-jährige Designerin doch ordentlich gerissen. Den Begriff „Propaganda“ hatte ich bis dahin nur gelesen und noch nie aktiv ausgesprochen gehört.
 

In ihrem Buch „Propaganda & Persuasion“ definieren die beiden Autoren Victoria O’Donnell und Garth S. Jowett „Propaganda“ so: „Propaganda is the deliberate, systematic attempt, to shape perceptions, manipulate cognitions and direct behaviour.”. Gemeint ist der absichtsvolle systematische Versuch, Wahrnehmung zu prägen, das Verständnis von Sachverhalten zu manipulieren und so das Verhalten zu steuern.

Das ist sehr treffend beschrieben: Niemand sollte glauben, dass die aktuellen „Ausrutscher“ politisch deutlich rechtsaußen stehender Akteure auf Kosten von Wahrheit und Würde zufällig passieren. Nein, da ist Absicht und Systematik am Werk, oft in Kombination mit enthemmter Rücksichtslosigkeit – eine unheilvolle Mischung.

Aber wo genau verläuft die Grenze des Anstands? Wo kippt legitimes Werben für eigene Ansichten, Marken und Produkte um in anstößige Manipulation? Denn das ist doch ein wesentlicher Teil unseres täglichen Jobs, „Wahrnehmung zu prägen“, oder etwa nicht?

Der Unterschied sollte zum Beispiel in der Markenführung darin liegen, dass wir eben nicht das „Verständnis von Sachverhalten manipulieren“, sondern unseren Fokus und unseren professionellen Ehrgeiz dahin gehend einsetzten, Markenwerte und Story, Botschaften und Produktvorteil möglichst klar, wahrheitsgemäß und spezifisch zu formulieren. Also so, dass sie ein Angebot darstellen und sich nicht in den Dienst einer unappetitlichen Beeinflußungsmaschinerie stellen. Das bedeutet zum Beispiel bei Nachhaltigkeitsthemen ehrlich und transparent zu berichten, wo Unternehmen stehen, welche Ziele sie sich setzten, Hier sind wir als Branche häufig an einer wichtigen Schnitt- und Schlüsselstelle und können uns einsetzten, etwaiges Greenwashing zu verhindern. Dies setzt Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der Konsumenten, in ihr kritisches Hinterfragen voraus. Darauf können und müssen wir bauen, dass am Ende mündige Bürgerinnen und Verbraucher „richtige“ und kluge Entscheidungen treffen. Denn wir dürfen Menschen durchaus einiges zutrauen und manchmal auch etwas zumuten.

Frei, aber nicht rücksichtslos

In Artikel 5 des Grundgesetztes heißt es: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern.“ Das das dauerhaft so bleibt, ist nicht selbstverständlich, wie wir leider aktuell lernen müssen. Dabei sind diese Rechte ungeheuer wertvoll, gerade für unsere Branche, denn wir Kreativschaffende sind angewiesen auf eine freie Gesellschaft, ein weltoffenes Klima und ein neugieriges Umfeld, um unseren Beitrag zu Sinnhaftigkeit, Wertediskussion und Transformation leisten zu können.

Besonders stark wird die Meinungsfreiheit durch die Kombination mit der Rücksichtnahme, wie sie zum Beispiel in unserer „Sozialen Marktwirtschaft“ zum Ausdruck kommt. Freiheit heißt hier eben nicht „ohne Regeln“ und in Form eines entfesselten Sozialdarwinismus das Recht des Stärkeren zu durchzusetzen.

Vor vielen Jahren haben wir uns als Agentur die „Wahrheit“ ins Wertegefüge unserer eigenen Markenidentität eingeschrieben. Ehrlicherweise haben wir uns damals vor allem auf unseren Arbeitskontext und die Zusammenarbeit untereinander und mit unseren Auftraggebern bezogen. Uns bewegten wichtige Fragen: Wie definieren wir die wahren Werte eines Unternehmens? Wie vermeiden wir Marketinghülsen und Stories, die gut klingen, aber nicht authentisch sind?

Es ging also um Wahrheitsfindung, aber in einem recht klar umrissenen, professionellen Kontext. Neben der Bestätigung, dass dieser Wert eine immer stärkere Relevanz bekommt, hat es aber eine leicht bittere Note, dass nun die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit eine ganz grundsätzliche und viel dringlichere Dimension erhält – eben weil sie immer öfter in Frage gestellt und relativiert wird.

Die Freiheit des Geistes, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Meinungsfreiheit, das alles ist das Lebenselixier der Creative Class. Gerade in dieser Zeit, die grundlegende Transformationen, Beweglichkeit und neuen Ideen dringend benötigt brauchen wir tagtäglich in unserer Arbeit dringend diese sicheren Leitplanken. Denn sie ermöglichen den täglichen demokratische Aushandlungsprozess, also wie wir miteinander leben wollen, wie wir streiten, arbeiten und handeln. 

„Also: Lasst uns die Demokratie und 75 Jahre Grundgesetz feiern!″